Rede des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Peter Struck, anlässlich der
Festveranstaltung zum 10-jährigen Bestehen des "George C. Marshall European
Center for Security Studies"
Dieser Tag heute ist für uns alle ein Grund zu großer Freude. 10 Jahre George
C. Marshall Center sind eine beeindruckende Erfolgsstory.
Der Fall des Eisernen Vorhangs, der Freiheitswille der Völker im östlichen
Europa, ein Europa auf dem Weg in eine bessere, wenn auch noch ungewisse Zukunft
dies war vor einem Jahrzehnt der historische Hintergrund für die Einrichtung
dieses transatlantischen Instituts.
Möglich wurde es durch die engen und vertrauensvollen Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland.
Möglich wurde es durch die einzigartige Freundschaft zweier Völker, die aus
ihrer gemeinsamen Geschichte eine gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung
einer demokratischen und freiheitlich organisierten Welt abgeleitet haben.
Erinnern wir uns: Die Rede George Marshalls am 5. Juni 1947 war das große
Signal amerikanischer Solidarität an Europa - vor allem aber an das geschlagene Deutschland.
Ich bin 1943 geboren und habe, wie Millionen Deutsche, in den Jahren nach dem
Krieg die amerikanische Hilfe und die amerikanische Großherzigkeit erlebt. Sie
haben auch mein Weltbild dauerhaft geprägt. Es ist keine leere Formel, wenn man
sagt, dass wir Deutsche dies nie vergessen werden.
Deutschland und Europa drohten in Wirtschaftskrise, Hunger und
Hoffnungslosigkeit zu versinken. Die amerikanische Unterstützung setzte neue
Energien frei. Sie ermutigte Europa zum gemeinsamen Handeln. Sie war die
Voraussetzung für die wirtschaftliche Erholung und den politischen Wiederaufbau
unter den Vorzeichen der Freiheit.
Sie legte den Grundstein für eine deutsch-amerikanische Freundschaft, die bis
heute das Verhältnis zwischen den Menschen beider Länder prägt und die bis heute
eine unverbrüchliche Konstante unserer Beziehungen darstellt.
Gelegentliche Diskussionen und Irritationen über einzelne politische Fragen
ändern daran nichts. Wir waren in der Irak-Frage unterschiedlicher Auffassung.
Eine Freundschaft wie die unsrige hält dies aus.
Wir richten jetzt den Blick nach vorne. Die Menschen in unseren beiden
Ländern erwarten dies - zu Recht. Auch unsere europäischen Nachbarn können
erwarten, dass diese starke transatlantische Partnerschaft ein wichtiger Motor
bleibt für die Bewältigung der großen Herausforderungen in Europa und darüber hinaus.
Das George C. Marshall European Center for Security Studies ist ein gutes
Beispiel für das gemeinsame Engagement unserer beiden Länder. Für unseren
gemeinsamen Beitrag zur Überwindung des alten Europas - und zur Gestaltung des neuen.
Während Westeuropas Weg nach dem Zweiten Weltkrieg zu wirtschaftlichem
Wohlstand und Demokratie führte, blieb der Osten Europas über ein halbes
Jahrhundert davon ausgesperrt. Die Spaltung Europas ging mitten durch
Deutschland. Wir haben sie schließlich überwunden nicht zuletzt durch die
rückhaltlose Unterstützung unserer amerikanischen Freunde.
Bereits am 31. Mai 1989, ein Jahr vor der deutschen Wiedervereinigung, hatte
der damalige amerikanische Präsident, George Bush, in beeindruckender Weitsicht
erklärt: "The world has waited long enough. The time is right. Let Europe
be whole and free." Ein Jahr später war Deutschland vereinigt.
Amerika war sich treu geblieben: Seinen Idealen und Werten, seiner
Verantwortung, seinen Verbündeten und Freunden. Von da an wirkten unsere beiden
Länder - verbunden in tiefer Freundschaft und in neuer Verantwortung - daran
mit, die Weichen für den ganzen Kontinent richtig zu stellen. Das einige und
freie Europa zu vollenden. Die Völker Amerikas, Europas und Zentralasiens zusammenzuführen.
Deutschland und Amerika wurden zu Vorreitern der Öffnung der NATO für die
neuen Demokratien im Osten Europas. Deutschland und Amerika waren sich immer
einig in dem politischen Ziel, auch die Europäische Union zu stärken und zu
erweitern. Und unsere beiden Ländern hatten immer ein ganz klares Verständnis:
Europa und die euro-atlantische Wertegemeinschaft enden nicht an den
Außengrenzen von NATO und EU.
Meine Damen und Herren, wer in der komplexen und interdependenten Welt von
heute wirkliche Stabilität schaffen will, muss bereit sein, weiter zu gehen. Wir
brauchen breite Zusammenarbeit und den vertrauensvollen Dialog mit allen
europäischen Staaten und denen der Nachbarregionen. Nur so können wir Frieden
und Stabilität auf dem ganzen Kontinent stärken und dabei die Fähigkeit zum
gemeinsamen Handeln erhöhen.
Dies setzt voraus, dass wir bereit sind, beim Aufbau von Demokratie und
Marktwirtschaft zu helfen und die neuen Partner an unserem
sicherheitspolitischen Denken teilhaben zu lassen und in den
sicherheitspolitischen Diskurs einzubeziehen.
Das Marshall Center für europäische Sicherheit hat in dieser Beziehung in den
vergangenen 10 Jahren eine unersetzliche und unvergleichliche Rolle als
transatlantische Bildungseinrichtung für Verteidigungsfragen übernommen.
Allein die Zahlen sprechen für sich. An den Seminaren des Instituts haben
über 8.000 Teilnehmer teilgenommen, an den drei Typen von Lehrgängen rund 2.500
internationale Teilnehmer. Heute reicht das Spektrum der Lehr-gangsteilnehmer
von Albanien bis Usbekistan. Teilnehmer aus mehr als 45 Ländern hatten bisher
die Gelegenheit, sich mit außen- und sicherheitspolitischen Fragen
auseinanderzusetzen. Angehörige von neun Nationen sind in der Lehre tätig, die
in drei Sprachen Englisch, Deutsch und Russisch erfolgt.
Kurz: Das Wesensmerkmal des Marshall Centers ist seine Internationalität. Es
hat sich zu einem einzigartigen Forum für die Begegnung und den Austausch mit
den Staaten Mittel und Osteuropas sowie Zentralasiens entwickelt. Hier entstehen
Freundschaften, die in die Zukunft tragen und Grenzen überwinden. So wächst
Europa zusammen, entwickelt die Partnerschaft zu den zentralasiatischen Ländern
und bleibt Nordamerika dabei in fester Freundschaft verbunden.
Die beste Referenz des Marshall Centers ist die lange Liste von zivilen und
militärischen Absolventen, von denen heute viele nachhaltigen Einfluss in
führenden Positionen ihres Landes ausüben. Sie zeigt: Das Marshall Center bietet
die große Chance, sicherheitspolitische Kennt-nisse zu vertiefen, politische und
kulturelle Eigenarten unterschiedlicher Nationen kennenzulernen und mit der
erworbenen Kompetenz einen Beitrag zu den Geschicken des eigenen Landes zu leisten.
Seit seiner Gründung hat sich das Institut so als wichtiges geistiges Zentrum
für die Weiterentwicklung der euroatlantischen Sicherheitsstrukturen bewährt.
Von hier gehen wertvolle Impulse für die Zusammenarbeit mit den neuen Partnern
aus. Es ist zugleich sichtbarer Ausdruck einer Sicherheitsphilosophie, deren
Kern die Überzeugung ist: Sicherheit in Europa und in der Welt ist unteilbar.
Nur gemeinsame Sicherheit ist stabile Sicherheit.
Wir bauen hier in Garmisch Brücken. Wir helfen mit, eine Wertegemeinschaft,
ein Netzwerk der für die Sicherheit ihres Landes Verantwortlichen in den Staaten
des alten und neuen Europas zu schaffen. Der Erfolg gibt uns Recht. Die Resonanz
in allen in Frage kommenden Ländern ist nach wie vor sehr hoch.
Der gute Ruf und das Ansehen des Instituts sind indes kein Zufall. Sie sind
das Ergebnis harter Arbeit und hohen Engagements. Die Erfolgsstory des Marshall
Centers ist der gemeinsame Erfolg aller.
Nicht nur der beiden das Institut tragenden Länder, sondern vielmehr der
Lehrkräfte, des gesamten Mitarbeiterstabes und natürlich der vielen engagierten
Seminar- und Lehrgangsteilnehmer in den vergangenen Jahren.
Ihnen allen möchte auch ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken.
Ohne ihren Einsatz und ihre Arbeit wäre das Marshall Center eine Kopfgeburt geblieben.
Ich weiß, dass dieses Institut für unsere amerikanischen Freunde einen ganz
hohen Stellenwert besitzt. Ich kann Ihnen versichern, dass dies gleichermaßen
für die deutsche Seite gilt. Dies zeigt sich nicht nur an unserem Anteil am
Personal, den wir über die usprünglichen Planungen gesteigert haben, oder an den Betriebskosten.
Es zeigt sich in der täglichen Arbeit, im Engagement der deutschen
Mitarbeiter oder an der aktiven Nutzung des Konferenzzentrums durch die deutsche Regierung.
Ich erwähne nur die Konferenz mit zentralasiatischen Parlamentariern im
Oktober 2003 in Berlin. Sie wird sich einem ganz wichtigen Thema für alle
Staaten im demokratischen Aufbruch - der demokratischen Kontrolle von
Streitkräften und dem Primat der Politik in der Verteidigungspolitik - widmen.
Auch solche Konferenzen sind Ausdruck unseres Engagements und der Bemühun-gen,
die Arbeit des Marshall Centers zeitgemäß fortzuentwickeln.
Meine Damen und Herren, George Marshalls Überlegungen zur Unter-stützung und
zum Wiederaufbau Europas waren nichts weniger als eine Vision, ohne die das
weitere Schicksal des zerstörten Europas ungewiss geblieben wäre.
Wir sind heute gemeinsam dabei, seine Vision der Zusammenarbeit, der
gegenseitigen Hilfe und Unterstützung, des gemeinsamen Handelns mit Partnern
immer weiter voranzutreiben. Denn wir wissen: Dazu gibt es keine Alternative.
Die schrecklichen Ereignisse des 11. September 2001 und danach haben dies nur bestätigt.
Wir mussten anerkennen, dass Verteidigung heute keine geografischen Grenzen
mehr kennt. Wir haben gesehen, dass nur eine breite Koalition aller gutwilligen
Staaten transnationalen Bedrohungen wie dem internationalen Terrorismus das
Handwerk legen kann.
Es ist gut, dass das Marshall Center sein Curriculum, auch was dieses Thema
betrifft, angepasst hat. Wir wissen, dass letztlich die Wurzeln des Terrorismus
und anderer destabilisierenden Entwicklungen nachhaltig nur durch politische und
gesellschaftliche Veränderungen beseitigt werden können.
Das galt vor 50 Jahren für Westeuropa. Dies galt vor zehn Jahren für
Osteuropa. Dies gilt heute wie damals für viele andere Regionen.
Nichts anderes meinte der amerikanische Präsident am 26. Februar diesen
Jahres, als er mit Blick auf den Nahen Osten verdeutlichte: Politische
Demokratisierung, soziale Reformen und wirtschaftlicher Wohlstand sind die
Kernelemente jeder langfristigen Strategie zur Schwächung der terroristischen
Rekrutierungsbasis und zur Stabilisierung von Krisenregionen.
Das Marshall Center arbeitet genau auf der Grundlage dieses politischen
Ziels, so wie es bereits George Marshall selbst in seiner Rede von 1947
formuliert hat: Es gehe nämlich um "die Entstehung politischer und
gesellschaftlicher Bedingungen, unter denen freie Institutionen existieren können."
Es ist das Verständnis, das den weiteren Erfolgsweg des George C. Marshall
Centers garantieren wird.